Wie ich zu #Digitalekirche und zu #plötzlichevangelisch kam

Wer mich kennt wird wissen, dass ich über 31 Jahre der römisch katholischen Kirche angehörte. Ganz genau bis zum 05.03.2019. Was war passiert?

Also ganz von vorne…

#AmAnfangwardiekatholischeKirche

Ich bin im Rheinland geboren und habe bis Ende 2009 in der (politisch schwarzen) katholischen Gemeinde Buchholz Westerwald gewohnt. Nun ja, also ist das meistens katholisch da. Als Kind ist man in dem katholischen Kindergarten gegangen und in der Grundschule ist es Usus, dass man Donnerstags in der ersten Stunde Kirche hat. So war es jedenfalls in meiner Kindheit. Ok der Pastor war cool, von daher war es auszuhalten. 1997 ging es natürlich auch zur Kommunion mit dem Kommunionsunterricht. Ich fand es damals nicht sonderlich spannend und fühlte mich in das rollentypische weiße Kleid gesteckt und äußerst unwohl in der Reihe männlich weiblich nebeneinander in die Kirche zu ziehen. Die Beichte war ja auch noch ein Muss. Ich sog mir also etwas aus den Fingern und fühlte mich wie eine kleine Sünderin, die um Vergebung bitten musste.

Natürlich ist es in einem Dorf auch normal, dass man ein reges Vereinsleben hat. Buchholz hatte damals glaube ich 26 Vereine, zu denen auch die Schützenbruderschaft St. Hubertus zählte. Mein Vater war damals 2. Vorsitzender in der Karnevalsgesellschaft „So sind wir“ und meine Mutter lange Zeit in der CDU, also war die „Vereinsmeierei“ mir schon in die Wiege gelegt. Ich wurde irgendwann an der Kirmes Schießbude entdeckt und trat also zur Jahrtausendwende in die Schützenbruderschaft ein. Grundsätze „Glaube, Sitte, Heimat“ Also auch zu jedweder Gelegenheit in die Kirche, nicht nur in die eigene, sondern natürlich bei Besuchen anderer Schützenvereine im Umkreis – was meist zu Schützenfesten der Fall war- auch in deren Kirchen. Ich machte es mit, aber für mich war es nie etwas, was ich wirklich brauchte.

#KatholischaberkeineHeimat

Nun bin ich seit Ende 2009 hier in Lübeck. Habe mich aber nie mehr mit der katholischen Kirche auseinander gesetzt.

#Umdenken

Durch die Aufarbeitung meiner Vergangenheit, die durch einige fiese miese Schicksalsschläge in der Familie sehr schwer war bin ich wohl doch empfänglicher für das Thema Glauben geworden.

Man lernt doch sich selber kennen und auch viele Sachen die man verdrängt hat und bekommt einen anderen Blick auf so manche Dinge.

#Digitalekirche ← ah da ist der Hashtag 😉 #UndnureinTweetwares

Seit nunmehr zehn Jahren bin ich bei Twitter aktiv, mal mehr mal weniger….

Die Anzahl meiner ü 1000 Follower*innen überblicke ich nicht immer, geht wohl jedem so 😉

05.01.2019 .. gelangweilt scrollte ich durch meine Timeline und entdeckte den Tweet von @PastoraCara – Carola Scherf die sich gerade seit über 10 Stunden im Auto durch die Schneemassen in Bayern kämpfte und einfach nach einem von Herzen kommenden Moin sehnte.

Dieses Moin bekam sie 🙂 Das Nutzerbild zeigte eine sehr sympathisch aussehende Frau mit rötlichen kurzen Haaren, die so gar nicht wie eine Pastorin aussah.

Neugierig geworden guckte ich ein wenig durch ihr Profil – wie es die neugierige Twitteruserin halt so macht-. Das sie Pastorin ist, sagt schon ihr Name, aber dann auch noch ein paar Straßen weiter in der Nachbarschaft wohnte und in dem Sinne, wäre ich evangelisch, auch für mich zuständig wäre. Interessant. Tolle Tweets mit Herz, Ehrlichkeit und mal was ganz anders als das Bild der Pastores so bisher war. JA ich gebe zu von der katholischen Kirche waren es bei mir alte Herren, die weise Worte predigten und eigentlich eher uncool waren. Das dieses nun auch in der katholischen Kirche mittlerweile nicht mehr nur so ist, ist mir bewusst.

Erfrischend, humorvoll und einfach eine Wohltat in der Timeline (Die abonnierten Nutzer werden in Echtzeit in einer Liste mit ihren Beiträgen angezeigt).

Nun ja so kam es zu mehreren Interaktionen und dann auch zu einem Umdenken bei mir. Ich begann Sachen zu hinterfragen. Lange war mir die Homosexuellenschelte der Katholischen Kirche persönlich ein Dorn im Auge, Missbrauch und und und…

Es gibt einige Sachen, die ich nicht verstand und die mich zunehmend erzürnten.

Wieso sollte ich also eine Kirche mit meinen Steuergeldern unterstützen, die so gar nicht mehr meine geistige Heimat war?!

Über Twitter hatte ich schon länger mit mehreren Menschen aus der Nordkirche Kontakt und kannte auch einige schon persönlich. Coole Social Media Arbeit und auch um einiges offener und weltlicher. Ich unterhielt mich auch so mit Freund*innen und Twitteruser*innen über Kirche und Glauben.

Auf Einladung von Carola besuchte ich nun also mal einen Gottesdienst und war total überrascht wie anders dies doch alles war.

Hell, freundlich, kaum Kreuze, offen, Lichtdurchflutet, es war warm (ich hatte immer nur die kalten Kirchen aus meiner Kindheit in Erinnerung). So viele Sachen nahm ich neugierig auf. Die herzliche Begrüßung am Eingang, mit dem Kompliment zu meinen kürzlich kurz geschnittenen Haaren taten ihr übriges. Eine großartige Predigt mit Bezügen zum realen Leben erwartetet mich und ließ mich so manches mal Schmunzeln. Wann hatte ich in der Kirche zuletzt geschmunzelt? Danach gab es Kaffee bei Kirchens. Dort unterhielt ich mich ein wenig mit Carola. Großartig!

Einen Tag später ließ mich der Gedanke nicht mehr los… Was bedeutetet Glauben für mich? Was war Kirche für mich? Welche Kirche war was für mich? Ich fragte Carola, ob sie mir beim Gedanken ordnen helfen könne. Sie schlug einen Termin vor.

In der Zwischenzeit hielt ich mich viel in Kirchen auf, dachte sehr viel nach. Nun fielen auch noch beide Todestage meiner Eltern in die Zeit, die mich sowieso dann empfänglich für solche Gedanken machten. Ich suchte Ruhe und Halt in der Kirche. Tatsächlich ist es dies, was mich umtrieb. Bisher brauchte ich keinen Ort um mit Gott zu reden, das mach ich einfach so im Alltag. Aber ich brauchte doch diese Ruhe und Abgeschiedenheit, die einkehrte, nachdem man das schwere Kirchentor hinter sich schloss und einen einmal kurz vom Alltag trennte. Ich las viel über die evangelische Kirche.

Meine Tante erzählte mir, dass sie früher alle evangelisch gewesen waren, und konvertieren mussten, um vor Ort anerkannt zu werden. Krass… leider damals normal.

Einen Tag vor dem Gespräch mit Carola besuchte ich nochmals den Gottesdienst und durfte an einem Abendmahl teilnehmen. (Ja war mir eigentlich nicht erlaubt von Seiten der katholischen Kirche her, aber was soll‘s). Ich hatte mich selten so aufgenommen gefühlt und als wirklichen Teil der Gemeinde. Es war ein wunderbares Gefühl.

Das Gespräch mit Carola half mir sehr und bestärkte mich in meinem Tun. Sie nahm sich sehr viel Zeit, hörte mir zu und gab mir endlich einmal das Gefühl angekommen zu sein. Akzeptiert zu werden so wie ich bin. Mit meinen Ecken und mit meinen Kanten und mit meinen Zielen.

Ich danke Dir ganz ganz herzlich dafür, liebe Carola!

Am nächsten Tag und der war genau gestern, ging ich zum Standesamt. 20 € weniger und lachend, ob des Gesprächs auf Kölsch mit dem Sachbearbeiter verließ ich es nach einer halben Stunde wieder. Ich hatte es getan, ich war aus der katholischen Kirche ausgetreten. Es regnete in Strömen.

Doch vier Stunden später trat ich im strahlenden Sonnenschein aus dem Gemeindebüro der Paul-Gerhardt Gemeinde und war nun

#plötzlichevangelisch

Angekommen in einer neuen Heimat!

Kirche ist für mich ein Ort zum Ankommen, in der Gemeinschaft zu sein, zur Ruhe zu kommen, aber auch gemeinsam aktiv zu sein, zum Nachdenken, aber auch Missstände aufzuzeigen, auch fröhlich zu sein, Halt zu finden. Tiefsinnige Gespräche zu führen… und einiges mehr.

Wie hier klar wird, Kirche lebt von den handelnden Personen. Was wäre wenn ich nicht den Tweet gelesen hätte? Ich wäre ausgetreten, das war klar, aber hätte ich mich mit dem Glauben weiter beschäftigt? Ich weiß es nicht.

Doch die mediale Präsenz von Carola und allen anderen Menschen die in der Kirche wirken ist gerade in der heutigen Zeit sehr wichtig. Zeigt den Menschen, was ihr tolles macht. Es gibt da draußen bestimmt noch viele Menschen wie ich es war, die einfach suchten und noch nicht so recht wussten, wohin die Reise geht. #Digitalekirche heißt natürlich nicht, dass alles digital wird, das Zusammentreffen vor Ort ist nach wie vor der wichtigste Bestandteil des Gemeindelebens, aber es erschließt ein neues Publikum und bläst den Staub von den alten Glaubensbüchern 😉

Ich bin angekommen und gespannt was mich da noch so erwartet.

*Der Beitrag spiegelt meine eigene Meinung wieder und soll in keinem Fall ein Bashing der Katholischen Kirche sein.

Wer interesse hat, schaut einfach mal auf Carolas Blog vorbei 🙂

One thought on “Wie ich zu #Digitalekirche und zu #plötzlichevangelisch kam

  1. Bewegende Momente die Du hier schilderst. Anja ich wünsche Dir spannende Entdeckungen in Deiner neuen Kirchenundglaubensheimat.

    Liebe Grüße ‍

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