{"id":818,"date":"2019-03-06T13:53:06","date_gmt":"2019-03-06T13:53:06","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.anja-hagge.de\/?p=818"},"modified":"2019-03-15T07:49:28","modified_gmt":"2019-03-15T07:49:28","slug":"wie-ich-zur-digitalekirche-und-zu-ploetzlichevangelisch-kam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.anja-hagge.de\/?p=818","title":{"rendered":"Wie ich zu #Digitalekirche und zu #pl\u00f6tzlichevangelisch kam"},"content":{"rendered":"<p>Wer mich kennt wird wissen, dass ich \u00fcber 31 Jahre der r\u00f6misch katholischen Kirche angeh\u00f6rte. Ganz genau bis zum 05.03.2019. Was war passiert?<\/p>\n<p>Also ganz von vorne\u2026<\/p>\n<p><strong>#AmAnfangwardiekatholischeKirche<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin im Rheinland geboren und habe bis Ende 2009 in der (politisch schwarzen) katholischen Gemeinde Buchholz Westerwald gewohnt. Nun ja, also ist das meistens katholisch da. Als Kind ist man in dem katholischen Kindergarten gegangen und in der Grundschule ist es Usus, dass man Donnerstags in der ersten Stunde Kirche hat. So war es jedenfalls in meiner Kindheit. Ok der Pastor war cool, von daher war es auszuhalten. 1997 ging es nat\u00fcrlich auch zur Kommunion mit dem Kommunionsunterricht. Ich fand es damals nicht sonderlich spannend und f\u00fchlte mich in das rollentypische wei\u00dfe Kleid gesteckt und \u00e4u\u00dferst unwohl in der Reihe m\u00e4nnlich weiblich nebeneinander in die Kirche zu ziehen. Die Beichte war ja auch noch ein Muss. Ich sog mir also etwas aus den Fingern und f\u00fchlte mich wie eine kleine S\u00fcnderin, die um Vergebung bitten musste.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es in einem Dorf auch normal, dass man ein reges Vereinsleben hat. Buchholz hatte damals glaube ich 26 Vereine, zu denen auch die Sch\u00fctzenbruderschaft St. Hubertus z\u00e4hlte. Mein Vater war damals 2. Vorsitzender in der Karnevalsgesellschaft \u201eSo sind wir\u201c und meine Mutter lange Zeit in der CDU, also war die \u201eVereinsmeierei\u201c mir schon in die Wiege gelegt. Ich wurde irgendwann an der Kirmes Schie\u00dfbude entdeckt und trat also zur Jahrtausendwende in die Sch\u00fctzenbruderschaft ein. Grunds\u00e4tze \u201eGlaube, Sitte, Heimat\u201c Also auch zu jedweder Gelegenheit in die Kirche, nicht nur in die eigene, sondern nat\u00fcrlich bei Besuchen anderer Sch\u00fctzenvereine im Umkreis \u2013 was meist zu Sch\u00fctzenfesten der Fall war- auch in deren Kirchen. Ich machte es mit, aber f\u00fcr mich war es nie etwas, was ich wirklich brauchte.<\/p>\n<p><strong>#KatholischaberkeineHeimat<\/strong><\/p>\n<p>Nun bin ich seit Ende 2009 hier in L\u00fcbeck. Habe mich aber nie mehr mit der katholischen Kirche auseinander gesetzt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>#Umdenken<\/strong><\/p>\n<p>Durch die Aufarbeitung meiner Vergangenheit, die durch einige fiese miese Schicksalsschl\u00e4ge in der Familie sehr schwer war bin ich wohl doch empf\u00e4nglicher f\u00fcr das Thema Glauben geworden.<\/p>\n<p>Man lernt doch sich selber kennen und auch viele Sachen die man verdr\u00e4ngt hat und bekommt einen anderen Blick auf so manche Dinge.<\/p>\n<p><strong>#Digitalekirche<\/strong> \u2190 ah da ist der Hashtag \ud83d\ude09 <strong>#UndnureinTweetwares<\/strong><\/p>\n<p>Seit nunmehr zehn Jahren bin ich bei Twitter aktiv, mal mehr mal weniger\u2026.<\/p>\n<p>Die Anzahl meiner \u00fc 1000 Follower*innen \u00fcberblicke ich nicht immer, geht wohl jedem so \ud83d\ude09<\/p>\n<p>05.01.2019 .. gelangweilt scrollte ich durch meine Timeline und entdeckte den Tweet von @PastoraCara \u2013 Carola Scherf die sich gerade seit \u00fcber 10 Stunden im Auto durch die Schneemassen in Bayern k\u00e4mpfte und einfach nach einem von Herzen kommenden Moin sehnte.<\/p>\n<p>Dieses Moin bekam sie \ud83d\ude42 Das Nutzerbild zeigte eine sehr sympathisch aussehende Frau mit r\u00f6tlichen kurzen Haaren, die so gar nicht wie eine Pastorin aussah.<\/p>\n<p>Neugierig geworden guckte ich ein wenig durch ihr Profil \u2013 wie es die neugierige Twitteruserin halt so macht-. Das sie Pastorin ist, sagt schon ihr Name, aber dann auch noch ein paar Stra\u00dfen weiter in der Nachbarschaft wohnte und in dem Sinne, w\u00e4re ich evangelisch, auch f\u00fcr mich zust\u00e4ndig w\u00e4re. Interessant. Tolle Tweets mit Herz, Ehrlichkeit und mal was ganz anders als das Bild der Pastores so bisher war. JA ich gebe zu von der katholischen Kirche waren es bei mir alte Herren, die weise Worte predigten und eigentlich eher uncool waren. Das dieses nun auch in der katholischen Kirche mittlerweile nicht mehr nur so ist, ist mir bewusst.<\/p>\n<p>Erfrischend, humorvoll und einfach eine Wohltat in der Timeline (Die abonnierten Nutzer werden in Echtzeit in einer Liste mit ihren Beitr\u00e4gen angezeigt).<\/p>\n<p>Nun ja so kam es zu mehreren Interaktionen und dann auch zu einem Umdenken bei mir. Ich begann Sachen zu hinterfragen. Lange war mir die Homosexuellenschelte der Katholischen Kirche pers\u00f6nlich ein Dorn im Auge, Missbrauch und und und\u2026<\/p>\n<p>Es gibt einige Sachen, die ich nicht verstand und die mich zunehmend erz\u00fcrnten.<\/p>\n<p>Wieso sollte ich also eine Kirche mit meinen Steuergeldern unterst\u00fctzen, die so gar nicht mehr meine geistige Heimat war?!<\/p>\n<p>\u00dcber Twitter hatte ich schon l\u00e4nger mit mehreren Menschen aus der Nordkirche Kontakt und kannte auch einige schon pers\u00f6nlich. Coole Social Media Arbeit und auch um einiges offener und weltlicher. Ich unterhielt mich auch so mit Freund*innen und Twitteruser*innen \u00fcber Kirche und Glauben.<\/p>\n<p>Auf Einladung von Carola besuchte ich nun also mal einen Gottesdienst und war total \u00fcberrascht wie anders dies doch alles war.<\/p>\n<p>Hell, freundlich, kaum Kreuze, offen, Lichtdurchflutet, es war warm (ich hatte immer nur die kalten Kirchen aus meiner Kindheit in Erinnerung). So viele Sachen nahm ich neugierig auf. Die herzliche Begr\u00fc\u00dfung am Eingang, mit dem Kompliment zu meinen k\u00fcrzlich kurz geschnittenen Haaren taten ihr \u00fcbriges. Eine gro\u00dfartige Predigt mit Bez\u00fcgen zum realen Leben erwartetet mich und lie\u00df mich so manches mal Schmunzeln. Wann hatte ich in der Kirche zuletzt geschmunzelt? Danach gab es Kaffee bei Kirchens. Dort unterhielt ich mich ein wenig mit Carola. Gro\u00dfartig!<\/p>\n<p>Einen Tag sp\u00e4ter lie\u00df mich der Gedanke nicht mehr los\u2026 Was bedeutetet Glauben f\u00fcr mich? Was war Kirche f\u00fcr mich? Welche Kirche war was f\u00fcr mich? Ich fragte Carola, ob sie mir beim Gedanken ordnen helfen k\u00f6nne. Sie schlug einen Termin vor.<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit hielt ich mich viel in Kirchen auf, dachte sehr viel nach. Nun fielen auch noch beide Todestage meiner Eltern in die Zeit, die mich sowieso dann empf\u00e4nglich f\u00fcr solche Gedanken machten. Ich suchte Ruhe und Halt in der Kirche. Tats\u00e4chlich ist es dies, was mich umtrieb. Bisher brauchte ich keinen Ort um mit Gott zu reden, das mach ich einfach so im Alltag. Aber ich brauchte doch diese Ruhe und Abgeschiedenheit, die einkehrte, nachdem man das schwere Kirchentor hinter sich schloss und einen einmal kurz vom Alltag trennte. Ich las viel \u00fcber die evangelische Kirche.<\/p>\n<p>Meine Tante erz\u00e4hlte mir, dass sie fr\u00fcher alle evangelisch gewesen waren, und konvertieren mussten, um vor Ort anerkannt zu werden. Krass\u2026 leider damals normal.<\/p>\n<p>Einen Tag vor dem Gespr\u00e4ch mit Carola besuchte ich nochmals den Gottesdienst und durfte an einem Abendmahl teilnehmen. (Ja war mir eigentlich nicht erlaubt von Seiten der katholischen Kirche her, aber was soll\u2018s). Ich hatte mich selten so aufgenommen gef\u00fchlt und als wirklichen Teil der Gemeinde. Es war ein wunderbares Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch mit Carola half mir sehr und best\u00e4rkte mich in meinem Tun. Sie nahm sich sehr viel Zeit, h\u00f6rte mir zu und gab mir endlich einmal das Gef\u00fchl angekommen zu sein. Akzeptiert zu werden so wie ich bin. Mit meinen Ecken und mit meinen Kanten und mit meinen Zielen.<\/p>\n<p>Ich danke Dir ganz ganz herzlich daf\u00fcr, liebe Carola!<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag und der war genau gestern, ging ich zum Standesamt. 20 \u20ac weniger und lachend, ob des Gespr\u00e4chs auf K\u00f6lsch mit dem Sachbearbeiter verlie\u00df ich es nach einer halben Stunde wieder. Ich hatte es getan, ich war aus der katholischen Kirche ausgetreten. Es regnete in Str\u00f6men.<\/p>\n<p>Doch vier Stunden sp\u00e4ter trat ich im strahlenden Sonnenschein aus dem Gemeindeb\u00fcro der Paul-Gerhardt Gemeinde und war nun<\/p>\n<h3><strong>#pl\u00f6tzlichevangelisch<\/strong><\/h3>\n<p>Angekommen in einer neuen Heimat!<\/p>\n<p>Kirche ist f\u00fcr mich ein Ort zum Ankommen, in der Gemeinschaft zu sein, zur Ruhe zu kommen, aber auch gemeinsam aktiv zu sein, zum Nachdenken, aber auch Missst\u00e4nde aufzuzeigen, auch fr\u00f6hlich zu sein, Halt zu finden. Tiefsinnige Gespr\u00e4che zu f\u00fchren&#8230; und einiges mehr.<\/p>\n<p>Wie hier klar wird, Kirche lebt von den handelnden Personen. Was w\u00e4re wenn ich nicht den Tweet gelesen h\u00e4tte? Ich w\u00e4re ausgetreten, das war klar, aber h\u00e4tte ich mich mit dem Glauben weiter besch\u00e4ftigt? Ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p>Doch die mediale Pr\u00e4senz von Carola und allen anderen Menschen die in der Kirche wirken ist gerade in der heutigen Zeit sehr wichtig. Zeigt den Menschen, was ihr tolles macht. Es gibt da drau\u00dfen bestimmt noch viele Menschen wie ich es war, die einfach suchten und noch nicht so recht wussten, wohin die Reise geht. #Digitalekirche hei\u00dft nat\u00fcrlich nicht, dass alles digital wird, das Zusammentreffen vor Ort ist nach wie vor der wichtigste Bestandteil des Gemeindelebens, aber es erschlie\u00dft ein neues Publikum und bl\u00e4st den Staub von den alten Glaubensb\u00fcchern \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Ich bin angekommen und gespannt was mich da noch so erwartet.<\/p>\n<p>*Der Beitrag spiegelt meine eigene Meinung wieder und soll in keinem Fall ein Bashing der Katholischen Kirche sein.<\/p>\n<p>Wer interesse hat, schaut einfach mal auf Carolas <a href=\"https:\/\/carola-scherf.de\/blog\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Blog<\/a> vorbei \ud83d\ude42<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer mich kennt wird wissen, dass ich \u00fcber 31 Jahre der r\u00f6misch katholischen Kirche angeh\u00f6rte. Ganz genau bis zum 05.03.2019. 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